Es ist die Leere, die es brauchbar macht | Umgehen mit dem eigenen unerfüllten Kinderwunsch | GASTARTIKEL (Teil 3)

16.06.2021

Alex & Romy

Alex & Romy

Kinderwunsch-Coach und Paarberater

Der dritte und letzte Teil eines bewegenden Gastartikels aus der Zukunftsglück-Community, rund um das innere Erleben der Autorin beim Umgang mit ihrem unerfüllten Kinderwunsch im Laufe der Jahre.

Wir bedanken uns ganz herzlich bei der Autorin Friederike [Name geändert], die anonym bleiben möchte.

Aufgrund der Länge des Artikels wird er hier in drei Teilen veröffentlicht. Untenstehend findet ihr den dritten Teil, während Teil 1 und Teil 2 als eigene Blog-Artikel erscheinen.

 

GASTBEITRAG | Es ist die Leere, die es brauchbar macht | Umgehen mit dem eigenen unerfüllten Kinderwunsch | Teil 3 | Beitragsbild: Isaac Quesada auf Unsplash

[Diesem Gastartikel von Friederike gehen die dazugehörigen Teil 1 und Teil 2 des Textes voraus]

Ja, es tut mir weh, wie lange ich meine Freundinnen manchmal nicht sehe

Gefühlt sind die Familientüren meiner Freundinnen für mich eine längere Zeit verschlossen. Weil sie eben jetzt als Mütter gebraucht werden. Und wer bin ich, dass ich wirklich weiß, wie es ihnen damit geht? Dass sie ihre neue Rolle im Leben finden und meistern müssen.

Meine liebe Freundin hat alles so geplant, dass ich zur Schlafenszeit ihres Sohnes komme. Wir haben Zeit. Für uns. Weint der Kleine, kümmert sich ihr Mann. Wir verbringen einen wirklich tollen Tag. Ich bin ihr so dankbar und freue mich.
Irgendwann wacht der Kleine dann auf und ihr Mann kommt mit ihm auf dem Arm, dass ich das Baby endlich kennenlernen kann. Meine Reaktion ist sicher anders, als erwartet. Ich sehe den Kleinen und anstatt zu jauchzen, trete ich etwas zurück und mache 5 Sekunden lang eine mimische Pause im Gesicht. Dann entschließe ich mich, heute glücklich zu sein und einen schönen Tag zu verbringen. Ich lächle das Baby an und der Tag wird tatsächlich wunderschön.

 

Als ich wieder zu Hause bin, bin ich traurig

Ich sitze im Wohnzimmer und habe Gedanken, die doch nicht wirklich meine Gedanken sind? Ich möchte das so nicht. Ich habe genug davon. Noch einmal denke ich an das Gedicht mit der Leere. Wo ist denn meine Brauchbarkeit in der Leere ohne Kind? Ohne Gemeinschaft einer eigenen Familie? Wo kann ich meine Liebe und Mütterlichkeit hinein geben? Wer will sie haben?

Es ist einer dieser traurigen Momente, in denen ich an Gott denke und wirklich bete. Gott nach dem Warum frage und dem, wo ich denn meine Kraft und meinen Platz in der Welt finde.

 

Auf einmal wird mir warm und kribbelig im Herz

Plötzlich ist nur noch Liebe da und es fühlt sich nicht so an, als ob das, was mich da durchströmt, nicht von dieser Welt ist. Woher die Gedanken kommen, weiß ich nicht. Ich fühle mich leicht und eine innere Stimme oder Intuition antwortet. „Du liebst einfach alles. Deine Liebe ist nicht auf deine Familie begrenzt. Dein Wirken findet in jeder Sekunde einfach immer mit allen Lebewesen statt. Schau genau hin und sei wirklich da in der Gegenwart. Und liebe. Liebe alles, was du siehst und tust.“ Ich lächle und habe das Gefühl, im Körper etwas begriffen zu haben. Wie eine Erfahrung, die körperlich wichtig ist.

Ich mache meine Augen auf und schaue auf das Bild über meinem Schreibtisch. Dort hängt „Die Welle“ von Hokusai. Ich sehe dieses Bild jeden Tag und heute schaue ich es mir zum ersten Mal wirklich genau an. Mir wird bewusst, was ein Künstler tut, wenn er ein Kunstwerk schafft. Er schaut genau hin und drückt etwas aus, wofür man keine Worte findet. Und das macht er sichtbar. Etwas, was vorher noch nicht da war. Oder doch. In seinem Fühlen und seinen Worten, in Gedanken schon.

In dem Bild sieht man das Meer toben und tosen. Man sieht drei kleine Ruderboote mit Menschen und fragt sich, was die Menschen da eigentlich auf dem Meer verloren haben. Was tun sie da? In einem Sturm auf dem Meer zu sein, ist keine natürliche Umgebung für einen Menschen. Da fällt mir ein, dass sie kämpfen. Dass sie sich auflehnen und nicht akzeptieren wollen. Und, dass die Zahl drei eine mystische Zahl in allen Religionen und Geschichten ist. Körper, Geist und Seele. Der Vater, der Sohn und der Heilige Geist. Die 3 Doshas im Aryuveda. Drei Anteile kämpfen gegen die Naturgewalten. Sie versuchen es. Sie kämpfen gegen etwas Natürliches.

 

Hat ein Kampf je etwas genützt?

Eine innere Intuition leitet mich zu seinem Buch „Philosophenzeit“ von Reiner Ruffig zu gehen und ich schlage eine Seite auf: „Auf die schwierige Frage, was unter einem sinnerfüllten Leben zu verstehen ist, gab Epikur eine verblüffend einfache Antwort: Angstfreiheit und ein Leben, an dessen Ende die erlebten Freuden die Unannehmlichkeiten überwogen haben. Ein solches Lebensziel dürfte (für uns heute) gar nicht so schwer zu erreichen sein, wenn man bedenkt, dass Epikur, wie schon erwähnt, die pure Abwesenheit von Schmerz schon als Lustgefühl gewertet wissen wollte. Wichtig ist für Epikur, niemals den Körper für irgendetwas verantwortlich zu machen. Es sei immer die Seele, die entscheidet. Wir wollen nicht unserem Körper den Vorwurf machen, als ob er die Ursache von großen Übeln sei, und nicht unser Unglück auf die Umstände, in denen wir leben, schieben; vielmehr wollen wir die Ursachen dafür lieber in der Seele suchen… Um die Seele positiv zu stimmen, sind, Epikur zufolge, vor allem vier geistige Denkoperationen – die so genannte vierfache Medizin – erforderlich. Man solle sich jederzeit klarmachen, dass man sich vor den Göttern nicht zu fürchten braucht, auch nicht vor dem Tod, drittens, das Gute jederzeit ganz nahe liegt und viertens, das Schlimme im Ernstfall leichter zu ertragen ist, als wir gemeinhin denken. Diesen Merksatz von der vierfachen Medizin soll man sich bei Tag und Nacht wiederholen und gut einprägen. Wir sollten der Natur dankbar sein, dass die notwendigen Dinge leicht zu erreichen und die schwer erreichenden nicht notwendig sind. Damit will Epikur sagen, dass man wenig braucht, um glücklich zu sein.

 

Ich verstehe, dass nur ich mich verurteile

Ich verstehe, dass mich meine Freunde und mein Mann so lieben, wie ich bin. Und auch das Eine, Namenlose, was man Gott nennen kann, nimmt mich so an, wie ich bin. Um mich vollkommen zu machen, braucht es nur meine eigene Entscheidung und Fokussierung. Und kein Kind. Alle lieben mich so, wie ich bin. Dafür brauche ich kein Kind. Ich bin schon vollkommen und brauche nicht etwas werden. Vor allem nicht etwas, was ich nicht bin. Und wenn es so schwer zu erreichen ist und ich mir nie sicher war, dann, weil es nicht mein Weg ist.

Ich lächle und mir ist so leicht im Herzen. Ich erinnere mich daran, was mich als Kind schon immer am glücklichsten machte. Mich in der Gegenwart zu verlieren und wirklich da zu sein. Das ist es, was ich an der Kunst, an Bildern und der Musik so liebe. Und ich verstehe, dass ich sehr viel sichtbar mache. Aber das es nicht notwendig ist, dafür ein Kind in den Armen zu halten. Das Kind würde mich nicht glücklich machen. Was ich sehe, ist ein Abziehbild wie aus einem Happy End eines Märchens. Doch es wird nie ein Ende geben, an dem Alles vollendet ist. Weil sich alles und jedes Lebewesen weiter entwickeln möchte und immer gibt es noch etwas zum Weiterentwickeln. Da gibt es kein Ende. Es wird immer einen Weg zum Weitergehen geben. Zum Höchsten. Zur Liebe.

Und es wird immer Reibung und Herausforderungen in jedem Leben geben, denn ohne Hindernisse gäbe es keine Weiterentwicklung. Dann ist die Herausforderung im Leben, die Idealvoraussetzung zur Weiterentwicklung. Stillstand ist der Tod. Folge ich meinem eigenen Weg, dann mache ich mich und die ganze Welt glücklich. Denn ich verändere mich und das wird sichtbar, indem ich einfach mein bescheidenes, einfaches Leben lebe. Mehr braucht es nicht. Denn das Kleine, die Freude über Blumen am Wegesrand, das Lächeln meines Mannes, die Kreativität, die Musik und die Kunst machen mich glücklich. Das Wahrnehmen über das, was ist. Die Freude über das Leben und die Liebe, das macht mich glücklich. Denn alles ist schon da. Und ich begreife allmählich, dass nicht einmal die Leere leer ist.

 

Jedes Musikinstrument im Orchester macht das Orchester vollkommen

Würde ein Instrument fehlen, wäre es nicht vollständig. Ich bin da und entscheide selbst, ob ich endlich meine eigene Stimme finde. Es gibt ja nicht nur klassische Musik, die man spielen kann. Im Orchester bin ich immer und ich spiele mit. Den Ton der Harfe liebe ich. Die Geige habe ich zwar immer gemocht, aber nie so geliebt. Auch nicht die Bläser. Und es gibt einige Musikstücke, was wären die denn bitte schön ohne eine Harfe? Diese Töne kann einfach kein anderes Musikinstrument machen. Diese Töne, mit den anderen Tönen der anderen Musikinstrumente, machen das Stück vollkommen und zu dem, was es ist. Und die Töne, die ich mache und gebe, das sind meine eigenen, die aus dem, was ich bin, heraus sprechen. Das, was ich tue und was ich bin, wenn ich in den Spiegel schaue. Das bin ich. Und darauf bin ich wirklich stolz. Auf meine Stimme und mein Sein. Zu lieben, was ich bin, gibt mir die Möglichkeit, zu lieben, was ich tue und diese Liebe in die Welt zu tragen. Wenn ich meine Freunde, Nachbarn, meine Familie oder die Menschen auf der Arbeit sehe. Und das bin ich. Und nichts anderes will ich sein. Liebe, das ist alles und mehr braucht es nicht. Liebe, sonst seid ihr verloren.

 

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