„Unfreiwillig kinderlos“ – Gastartikel zu Selbsterfahrungen beim Umgang mit unerfülltem Kinderwunsch (Teil 1)

31.07.2019

Alex & Romy

Alex & Romy

Kinderwunsch-Coach und Paarberater

Im folgenden Gastartikel beschreibt Friederike ihre Selbsterfahrungen und ganz individuellen Umgang mit ihrem unerfüllten Kinderwunsch. Sie setzt dabei viele wertvolle Impulse zur Reflektion.

Friederike (Name geändert) ist als Leserin/Hörerin von Blog und Podcast mit uns in Kontakt getreten. Dabei herausgekommen ist dieser wunderbare Gastartikel, für den wir uns an dieser Stelle noch einmal herzlich bedanken.

Aufgrund der Länge des Artikels werden wir ihn in zwei Teilen veröffentlichen. Untenstehend findet ihr Teil 1, während Teil 2 dann im August erscheinen wird.

Unfreiwillig kinderlos – Mein Leben, recomposed – Teil 1

Gastartikel von: Friederike

Ich liebe die Musik von Max Richter. Am liebsten mag ich „Die Vier Jahreszeiten“ von ihm. Ich mag auch die Musik von Vivaldi, aber ich liebe die Version „Die Vier Jahreszeiten Recomposed by Max Richter“, weil für mich die ganze Kraft des Lebens in ihr zu fühlen und zu spüren ist.

So, dass es mir Tränen in die Augen treibt. Freude und Trauer zugleich. Die Lebenskraft, die Freude, die Trauer, die Lebendigkeit, die Schwere und die Leichtigkeit. Alles, was es im Leben zu fühlen gibt, kann ich in seiner Musik wahrnehmen.

Ich glaube, dass Max Richter einen Werdegang hatte, um solche Musik zu machen. Wahrscheinlich hat schon in seinen ersten Stücken alles gesteckt, was er heute, hörbar machen kann. Ich weiß nicht, ob er diese Kraft von Anfang an so frei loslassen und mit ihr spielen konnte, um so etwas „Neues“ zu erschaffen. Etwas, das aus dem Innersten seiner Seele sprechen möchte.

Wie klingt das Leben?
Was war und wird immer da sein? Was ist die Wahrheit des Lebens?

Ungefähr so, wie die Jahreszeiten von Vivaldi klingen, fühlte sich mein Leben an, bevor ich ungewollt kinderlos wurde. Es war schön und erfüllt. Nur, dass für mich immer klar war, irgendwann möchte ich eine Familie gründen und ein Kind gehörte für mich selbstverständlich dazu.

Als der Kinderwunsch dann da war und mein Partner und ich die Nachricht erhielten, dass wir ohne Hilfe der Reproduktionsmedizin wahrscheinlich kinderlos bleiben werden, folgte eine lange innere Trauerphase, bei der ich nicht mehr wusste, wer ich bin.

Es war Ringen und Suchen nach dem eigenen Weg, mir selber. Nach mir selbst.

 

Wer bin ich ohne Kinder?

Im Nachhinein kam ich mir vor, wie eine Künstlerin, die auf ihr Leben wie auf ihre alten Werke schaut und merkt, das bin nicht mehr ich. Und ich werde es nie mehr sein.
Und dann saß ich da vor einer leeren Leinwand, die ein Symbol für meine Trauer, (Freiheit, um die ich nicht gebeten hatte) und die Zukunft für ein kinderloses Leben, ist.

Monatelang schaffte ich es nicht, diese „Leere“ anzuschauen, geschweige denn, sie fühlen zu können. Und ich hatte nicht im Geringsten die Idee, was ich denn nun Neues schaffen möchte. Ich wusste nicht, was ich will. Ich war mit mir selbst und der Trauer überfordert.
Es war schrecklich. Es war zum Heulen. Und ich weinte viel.

Verena Kast ist eine Psychologin aus der Schweiz und hat in Anlehnung der fünf Sterbephasen von Elisabeth Kübler Ross und dem Vier-Phasenmodell des Trauerprozesses von John Bowlby und Collin M. Parkes ein „Vier Phasen Trauermodell“ entwickelt.

Die vier Trauerphasen können gleichzeitig und parallel verlaufen. Die Länge und Dauer der einzelnen Phasen unterliegen keiner zeitlichen Begrenzung und keiner konkreten Vorgabe, in welcher Reihenfolge die Phasen auftreten können. Es gibt kein Anfang, es gibt kein Ende.

Die vier Phasen heißen:

  1. Phase: Nicht wahrhaben wollen
  2. Phase: Aufbrechende Emotionen
  3. Phase: Die Phase des sich Suchens und sich Trennens
  4. Phase: Neuer Welt- und Selbstbezug

 

Die Trauer beim unerfüllten Kinderwunsch

Es gab eine Zeit in der Gesellschaft, wo es öffentliche Plätze, Rituale und Räume für Trauer gab. Der Tod war einmal sichtbarer gewesen, bevor er in Kranken- und Pflegehäuser ausgelagert und medizinisch kalkulierbarer wurde. Es gab Zeiten, in denen wurde das Trauerjahr öffentlich sichtbarer begangen. Und von einem Trauerjahr spricht man nicht ohne Grund.

Bei einem unerfüllten Kinderwunsch stirbt nicht etwas Physisches. Es stirbt eine Sehnsucht nach einem Kind. Das ist etwas „Unfassbares“, was nie da gewesen ist und nie da sein wird. Man kann es nicht „(er)fassen“ oder „(be)greifen“.

Und für mich gibt es Unterschiede zu einem „realen“ Todesfall:

  1. es betrifft deine eigene (endende) Leiblichkeit und Sexualität,
  2. es gibt kein reales sichtbares Abschiednehmen z. B. mit einem Grab
  3. der Abschied bezieht sich auf deinen eigenen Wert, eine Familie gründen zu wollen, den du nicht selbstbestimmt leben kannst
  4. bezieht sich auf eine gesellschaftlich anerkannte Norm, eine Familie zu gründen und das „Vater-„ oder „Mutterglück“ als Ideal und
  5. können Schuld- und Versagensgefühle sowie ein gesellschaftlicher Druck zum ethisch zu hinterfragenden Handeln und ein Rechtfertigungsdruck durch die Möglichkeiten der Reproduktionsmedizin entstehen.

Heute, wo ich nicht mehr trauere, kann ich nicht mehr in der Frequenz und Atmosphäre schreiben, in der du dich vielleicht noch befindest. Ich kann also nicht genau das anklingen, was du gern hören möchtest, um deinen Schmerz zu heilen. Selbst wenn ich es möchte, ich kann es nicht. Wirklich nicht.

 

Es geht darum, dass du deinen Weg durch den unerfüllten Kinderwunsch findest

Dass du trauerst, es zulässt und, dass du eine neue Sichtweise auf das Leben gewinnst. Dass du deinen Weg gehst. Und wie der aussieht, das kann ich dir nicht sagen.

Ja, es tut weh. Du weißt nicht mehr weiter und schaust jetzt mich an. Und ich kann dir nichts weiter sagen, als: Mach weiter. Nimm dir Zeit zu trauern. Hab‘ Geduld mit dir selbst. Es geht darum, dass du lebst mit all deinen Fragen und es selber herausfindest.

Ich kann dir nur sagen, dass es für mich sehr schwer war. Jeden Tag aufzustehen, einfach weitermachen, auch wenn ich es lange Zeit als sinnlos empfand. Ich kann dir sagen, dass im Weitermachen und Aufstehen eine innere Transformation stattgefunden hat.

Auch das möchtest du sicher nicht hören. Es dauert und man spricht auch von Trauerarbeit. Zu Trauern ist echte Arbeit.

Es ist eine Einsicht, die irgendwann kommt, ja der Verlust ist da und trotzdem möchte ich mein Leben weiterhin sinnvoll weiter leben und gestalten. Den Sinn dafür, kann nur ich meinem Leben selber geben.

Ich möchte und kann dir nicht sagen, was du tun kannst oder sollst. Ich will es gar nicht. Denn es ist dein Leben. Ich kann nur von mir berichten, wie mein Weg aussah und immer noch aussieht.

 

Meine Zeit der Trauer im unerfüllten Kinderwunsch

In meiner Zeit der Trauer ging ich oft ins Museum und schaute mir Werke der Romantik an. Caspar David Friedrich schien mit seinen Bildern genau das auszudrücken, was ich gerade fühlte.

Ich fing an, gern Requiems zu hören, weil sie das aussprachen, wofür ich keine Worte fand. (Z. B. Dvorák, Brahms, Ein deutsches Requiem oder im Konzert von „Human requiem“).

Ich ging gern über einen Friedhof und setzte mich still auf eine Bank.

Mir persönlich halfen keine Rituale, keine Briefe, die ich schrieb. Mir persönlich half es, mithilfe der Kunst, nach und nach die Trauer anschauen und aushalten zu können, weil ich hier in Resonanz ging.

Und erst mit dieser Resonanz konnte ich sie halten, (er)tragen, zulassen und langsam auf meine „leere“ Leinwand – meine Trauer schauen. Mein Bild vom kinderlosen Ich. Nach und nach verstand ich, warum man sich schwarz anzieht, wenn man trauert. Und lange Zeit zog ich mich sehr gern nur mit schwarzer Kleidung an und versuchte meine Gedanken und Gefühle in einem Tagebuch auszudrücken.

Nach und nach lernte ich, den Blick auf die LEERE auszuhalten. Mir war ja klar, mein Leben geht weiter und ich werde keine eigene Familie gründen können.

Wie soll es jetzt weiter gehen? Womit die LEERE (aus)füllen?

Ich hatte keinen Plan. Keine Idee. Auch, wenn ich noch so gern einen Plan schmieden wollte.

Es funktionierte einfach nicht. Die Wahrheit ist, niemand konnte mir helfen und nichts machte mir mehr Spaß. Ich merkte es langsam. Ich war traurig und trauerte. Es fühlte sich an, wie Brahms Requiem.

Freunde treffen, zur Arbeit gehen, die ich sonst so gern mag, mein geliebtes Yoga. Ich fühlte nur Trauer. Essen gehen, wenn Essen nach nichts schmeckt? Nichts machte mir Spaß. Nichts machte einen Sinn. Ich hatte keine Ideen mehr. Lange Zeit ging es nur darum, einfach weiter zu machen. Ohne Plan, sondern einfach nur im Aufstehen und Weiterleben. Dass man Gefühle zeigt und einfach weiter macht.

Das ist die Trauer und sie begleitet(e) mich eine ganze Weile und hüllte mich ein, wie ein schwerer Mantel. Genau das brauchte es, um einen neuen Anfang, eine Veränderung, eine innere Transformation und einen neuen Weltbezug zu finden. Leider muss man so tief fallen, dass man erst in der Tiefe sich selbst neu findet.
Erst in der Tiefe wird einem alles so egal, dass man einfach absichtslos weiter macht und plötzlich fängt man an, Dinge anders zu sehen und zu tun. Man spielt mit Elementen und ich glaube, das braucht es, dass Künstler erst jetzt sich selber aus der tiefsten Seele heraus ausdrücken können.

Ich glaube, auch Max Richter hat einmal etwas erlebt und gefühlt, was ihm die Tiefe gab, um „Die vier Jahreszeiten“ zu recomposen. Erst jetzt ist Max Richter so, dass er alle Tiefen und Höhen des Lebens hörbar machen kann. Und wie. Es klingt wundervoll!