Unerfüllter Kinderwunsch in der Corona-Krise – Interview mit Dr. med. Schausten

05.05.2020

Alex & Romy

Alex & Romy

Kinderwunsch-Coach und Paarberater

Die Corona-Krise ist auch für Menschen mit unerfülltem Kinderwunsch sehr belastend. Mit Frau Dr. med. Schausten sprechen wir darüber, wie die Kinderwunschbehandlung in Zeiten von Covid-19 aussieht. Über Gefahren und Möglichkeiten sowie Dr. med. Schaustens Empfehlungen.

Dieser Blogartikel ist ein Auszug aus dem (in unserem Podcast Anfang April 2020 geführten) Gespräch mit Dr. med. Schausten zum Umgang mit dem unerfüllten Kinderwunsch in Zeiten des Corona-Virus. Wer das komplette Gespräch hören möchte, findet es als Unerfüllter-Kinderwunsch-Podcast hier.

(Unerfüllter Kinderwunsch Corona Covid-19)

Warum überhaupt dieses Gespräch zu Corona und unerfülltem KiWu mit Dr. med. Schausten?

Zum Einen rückt das Thema unerfüllter Kinderwunsch während der durch die Covid-19-Pandemie ausgelöste Corona-Krise (Unerfüllter Kinderwunsch Corona Covid-19) in der öffentlichen Wahrnehmung in den Hintergrund, denn wir alle befinden uns gerade in einem starken Veränderungsprozess.

Und zum Anderen ist das Thema unerfüllter Kinderwunsch gerade bei vielen Betroffenen stärker im Vordergrund als ohnehin schon, weil sich so viele Fragen stellen für diejenigen, die gerade in ihrem unerfüllten Kinderwunsch stecken.

Dies beginnt damit, dass viele Kinderwunsch-Kliniken aktuell Corona-bedingt keine Behandlungszyklen mehr beginnen und es gibt auch in der Zukunftsglück-Community eine große Unsicherheit zu der Frage, was passiert, wenn man nun endlich schwanger wird und sich dann mit Covid-19 (Unerfüllter Kinderwunsch Corona Covid-19) infiziert. Was ist zu beachten, wenn man gerade Hormone einnimmt?

Es stellen sich Fragen über Fragen und deshalb freuen wir uns sehr über das Interview mit Dr. med. Schausten, um eure meistgestellten Fragen mit ihr zu diskutieren und die Expertenmeinung einer erfahrenen Medizinerin und mehrfachen Mutter zu bekommen.

Hier findet ihr einen zusammenfassenden Auszug unserer Fragen rund um die Covid-19-Pandemie – im Kontext des Umgangs mit unerfülltem Kinderwunsch – an Dr. med. Schausten und ihre Antworten dazu:

 

In den Medien gibt es viele widersprüchliche Aussagen: Wie ernst ist das Corona-Virus Covid-19 wirklich?

Dies zu beurteilen ist auch für uns Ärzte schwierig, genauso wie auch für die Virologen. Was mich als Ärztin jedoch sehr verunsichert, ist, dass Virologen bei uns in Deutschland mit der gleichen universitären Ausbildung so konträre Meinungen zu ein und demselben Thema haben. Wissend, dass Vieles nicht evidenzbasiert ist, dass es bisher keine Erfahrungswerte gibt und wir einfach alle im Dunkeln tappen.

Gefährlich finde ich die Richtung der Virologen, wenn sie sagen, es sei alles nicht so schlimm und die Menschen könnten sich entspannen, denn es kommen jetzt warme Tage in Deutschland. Die Menschen werden sich draußen aufhalten und sich an genau diesen Aussagen festhalten. Weil wir einfach so wenig über das Corona-Virus wissen, könnte dies zu einem erneuten Anstieg der Infektionszahlen führen.

Die große Frage der Unsicherheit, die zusätzlich zu allen medizinischen Themen über uns schwebt, ist: Was passiert mit der Wirtschaft? Und die Patienten sind natürlich auch Angestellte, Kaufleute, haben kleinere oder größere Betriebe und alle haben sie – zusätzlich zu den Corona-Virus-Gesundheitsfragen – Sorgen, was da nun mit der Wirtschaft passiert. Ständig wollen sie deshalb von uns Medizinern Erklärungen haben: Ist es denn nun wirklich so schlimm? Ist es denn nicht besser, die Wirtschaft und all die daran hängenden Existenzen zu stützen? Weil wir im Moment noch so wenig über Covid-19 wissen, ist meine Meinung dazu: Die Wirtschaft kann man wiederbeleben, sie hat sich immer wieder erholt. Die Menschen können wir nicht wiederbeleben.

Und es ist nicht so, dass nur die Alten sterben, die ja sowieso gestorben wären. Nein, es sterben auch kleine Kinder, es sterben junge Menschen, insbesondere junge Männer, und vor allen Dingen auch aus vollster Gesundheit heraus.

Dies besorgt uns Stand heute alle. Und keiner hat eine wirklich sichere, valide Einschätzung zu Covid-19. Das führt zu Verunsicherung und solange wir nicht sicher sein können, finde ich, dass das Menschenleben über der Wirtschaft steht. Es müssen jetzt Abstriche gemacht werden, aber dann doch lieber auf der materiellen als auf der menschlichen Seite.

Meine Meinung hierzu ist sehr emotional, aber ich finde, solange wir uns auf nicht uns niemanden verlassen können, sollte jeder mit gegebener Vorsicht für sich selbst entscheiden.

 

Was können wir tun, um uns vor dem Corona-Virus Covid-19 zu schützen? Was gilt es für diejenigen zu tun, die gerade mitten im unerfüllten Kinderwunsch stecken, die vielleicht sogar gerade eine Kinderwunsch-Behandlung vor oder hinter sich haben, oder die hoffen, schwanger zu sein?

Das ist ein ganz schwieriges Kapitel. Im Corona-Kontext hat man lange geglaubt, Schwangere seien – so wie auch kleine Kinder – unempfindlich gegen das Corona-Virus und die Natur hätte da einen Schutzmantel aufgebaut.

Leider ist es nicht so. Es gibt erste Fälle der vertikalen Transmission. Das bedeutet, dass das Corona-Virus im Mutterleib von der Mutter auf das Kind übergegangen ist. Das ist eine dramatische Entdeckung. Deswegen ist, so lange diese Situation nicht klar ist, die ICSI-Behandlung zur künstlichen Befruchtung eingestellt worden. Ein bewusstes Anstreben der Schwangerschaft ist definitiv im Moment nicht zu empfehlen.

Es gibt aber leider doch private Kinderwunsch-Praxen, die sich davon nicht irritieren lassen und weiterhin künstliche Befruchtungen für ungewollt kinderlose Patienten durchführen. Da stehen natürlich wirtschaftliche Interessen dahinter.

Aktuell empfiehlt man das Einfrieren von Eizellen und Embryonen, bis die Situation sich geklärt hat. Das halte ich auch für den richtigen Weg. Keiner möchte hinterher sagen müssen: Warum habe ich das erzwungen? Kein Mensch hat bisher ein Kind mit Covid-19 zur Welt gebracht und keiner hat es aufwachsen sehen und keiner kennt die Folgen. Deshalb würde ich persönlich davon abraten.

 

Wenn wir jetzt noch einen Schritt weiterdenken, dass sich viele Kinderwunsch-Patientinnen während der KiWu-Behandlungen heftigen Hormon-Behandlungen, inklusive aller Nebenwirkungen, aussetzen: Wie ist es, wenn man sich dann mit Covid-19 infiziert?

Eine Hormon-Therapie ist auf jeden Fall immun-suppressiv in dem Umfang, wie es für eine ICSI-/Kinderwunsch-Behandlung erforderlich ist. Man sollte im Moment auf alle immun-suppressiven Medikamente so weit wie möglich verzichten.

Eine umfangreiche Hormon-Therapie wirkt sehr strapazierend auf den Körper. Abgesehen davon, dass noch zusätzlich dazu kommen: Die Anspannung. Die große Angst. Die große Sorge „Geht es diesmal mit der Befruchtung gut oder nicht?“ Und dazu kommt dann womöglich noch eine Infektion mit Covid-19.

Ich halte das für sinnlos. Ich würde jetzt auf gar keinen Fall eine Kinderwunsch-Therapie forcieren. Auch für das Kind nicht, weil es nicht sein kann, dass wir jetzt in so einer Situation fahrlässig damit umgehen – wo die Wissenschaft so weit gekommen ist, dass sie uns diese Möglichkeiten für den unerfüllten Kinderwunsch alle gibt.

 

Für einige Frauen mit unerfülltem Kinderwunsch tickt die Uhr. Sie fühlen sich nun umso mehr unter Zeitdruck gesetzt. Was würdest du ihnen während dieser Akutphase des Corona-Virus raten?

Was ich diesen Patientinnen empfehle, ist, sich mit Vitamin D aufzusättigen. Dann auch noch Vitamin C zuzuführen (Anmerkung von Zukunftsglück: Dosierungsempfehlungen von Dr. med. Schausten unten am Ende dieses Blogartikels), sich maximal gesund zu ernähren, die durch den Lockdown freigewordene Zeit auch dafür zu nutzen, sich vitaminreiche Gerichte zuzubereiten, sich an der frischen Luft zu bewegen, zu meditieren, den Körper zu kräftigen durch Übungen. Es gibt so unglaublich viele Möglichkeiten, jetzt etwas für sich zu tun, wie nie zuvor.

Im Grunde genommen, ist die Corona-Krise in dieser Hinsicht sogar ein kleines Geschenk, dass man sich wieder auf sich besinnen kann, dass man Zeit für all diese Dinge hat, gerade als Mensch während der Zeit des unerfüllten Kinderwunsches. Ich finde, es ist gerade einfach eine wunderbare Zeit für den Körper, die man bewusst einsetzen kann, im Hinblick darauf, dass es hinterher mit der Schwangerschaft dann vielleicht sogar besser klappt, als wenn man aus einer total verstressten Zeit in eine Kinderwunschbehandlung oder in eine Schwangerschaft geht.

 

Du hast 2 Aspekte betont: Den medizinisch-körperlichen Aspekt, wie auch die psychisch-mentale Stabilität. Was würdest du speziell im Hinblick auf das mentale Wohlbefinden, den vom unerfüllten Kinderwunsch betroffenen Menschen empfehlen? Wie sollten sie die Zwangspause nutzen, die das Corona-Virus für unsere Gesellschaft mit sich bringt?

Ich empfehle, zu versuchen, einfach mal etwas mehr Zeit mit sich selbst zu verbringen. Sich bewusst mit sich selbst zu beschäftigen. Sich darauf zu besinnen, auch mal Ruhe zu halten. Einmal bewusst zu überlegen, „Was fehlt mir? Was gewinne ich? Wo könnte ich an mir arbeiten?“

Ich finde zum Beispiel das Thema Meditation ausgesprochen interessant und wertvoll. Ich finde, das Zur-Ruhe-Kommen ist das Wichtigste in dieser Corona-Zeit. Ja, auch mal hören, was andere sagen, aber am Ende für sich selbst einen Weg zu entwickeln, wie man damit und mit sich selbst umgeht.

Wenn wir zu Hause sind, dann sollten wir uns auch wirklich auf uns, auf unser zu Hause, auf unseren Partner konzentrieren und einmal ganz für uns da sein. Füreinander. Ohne ständig auszuweichen und doch noch dies und jenes zu tun. Gespräche, Ruhe, – ich wiederhole es noch einmal – Meditation, Atemübungen, Yoga, ein Instrument spielen, Lesen, den Geist zur Ruhe bringen, sich auf sich selbst und die gemeinsame Partnerschaft konzentrieren.

Ich bin überzeugt: Diese Art der inneren Einkehr gibt unserem Immunsystem sehr viel. Und vor allem in der Zeit des unerfüllten Kinderwunsches, während man als Betroffene ja – trotz der Zwangspause durch Covid-19 – weiterhin auf die Schwangerschaft wartet, ist der Fokus auf sich selbst und auf die Partnerschaft besonders wichtig. Man kann diese zwangsberuhigte Zeit der Corona-Krise im unerfüllten Kinderwunsch gut nutzen, um wichtige Grundlagen bei sich selbst und in seiner Partnerschaft zu legen.

Angst ist der schlechteste Berater für das Immunsystem. Lieber mit sich selbst und mit dem Partner aktiv werden, die eigenen Themen aufräumen und die Angst somit vor der Tür lassen!

 

Was macht Angst – und speziell die Angst vor dem Corona-Virus – mit den Menschen im unerfüllten Kinderwunsch, wenn man sich nicht mit sich selbst und seiner Partnerschaft beschäftigt?

Zunächst macht Angst aggressiv. Viele meiner Patienten haben ein extremes Kausalitätsbedürfnis und wollen alles genau erklärt haben. Sie fokussieren sich darauf, wie wahrscheinlich es ist, durch Covid-19 getroffen zu werden. Diese Frage spielt aber gar nicht die große Rolle, denn die Allermeisten von uns werden das Corona-Virus bekommen, ohne es überhaupt zu bemerken und sind hinterher immun.

Was ich – gerade auch für Menschen mit akutem unerfülltem Kinderwunsch – viel wichtiger finde, ist, dass wir nicht wie ein Ameisenhaufen im Ausnahmezustand draußen herumhecheln und uns mit solchen Fragen beschäftigen. Die Antwort auf die Frage, ob man Covid-19 bekommt, kann einem niemand geben.

Solange ich mein Immunsystem gesund erhalte – durch gesunde Ernährung, durch frische Luft, durch einen entspannten Umgang mit der Situation – tue ich ein Vielfaches mehr für mich und schütze mich deutlich mehr, als wenn ich durch ständiges Nachfragen mein Kausalitätsbedürfnis befriedige und hinterher trotzdem nicht schlauer bin. Diese Informationen nützen mir erstmal gar nichts, denn auch die Fachleute wissen es momentan ganz einfach nicht. Ruhe bewahren und so viel, wie jeder für sich tun kann, tun. Dann wäre allen sehr geholfen.

Insbesondere auch wichtig: Bleibt wirklich zu Hause, wenn es irgendwie möglich ist. Nochmal: Investiert die Zeit zu Zweit in euch als Paar, macht lange Spaziergänge, ruht euch aus und macht euch nicht verrückt. Angst ist ein schlechter Berater.

Besonders wichtig ist es, sich vielmehr auf die Hoffnung zu fokussieren, daran zu arbeiten, sich hierdurch zu stärken und auch so zu handeln.

 

Was möchtest du den vom unerfüllten Kinderwunsch betroffenen Menschen in dieser besonderen Corona-Zeit noch mitgeben?

Ich finde, gerade für Menschen mit unerfülltem Kinderwunsch, ist das zentrale Thema tatsächlich die Hoffnung. Gebt diese Hoffnung nicht auf. Die Corona-Zeit ist ein Übergang, es ist eine Herausforderung, es ist eine Probe, auf die ihr gestellt werdet, wie wahrscheinlich schon auf viele andere Proben zuvor.

Die aktuelle Situation mit Covid-19 ist nicht klar, aber sie ist auch nicht hoffnungslos. Das heißt: Es geht weiter!

Vielleicht geht etwas Besonderes daraus hervor und es kommt etwas auf euch zu, was ihr vorher gar nie erfahren hättet. Und es ergeben sich neue Aspekte oder es festigt sich sogar nochmal euer Kinderwunsch – gerade in dieser herausfordernden Zeit. Daraus geht ihr gestärkt hervor und werdet nachher vielleicht mit eurem gestärkten Immunsystem eine viel bessere Chance haben für eine erfolgreiche Behandlung.

Und deswegen: Nicht traurig sein. Sondern hoffnungsvoll sein, mutig sein und danach handeln. Alles wird gut.

 

Das Fazit zu diesem Gespräch mit Dr. med. Schausten zu Corona und dem Umgang mit unerfülltem Kinderwunsch

Corona ist ernst zu nehmen und es wird sich fast zwangsweise eine Wartezeit in den Kinderwunsch-Behandlungen daraus ergeben.

Wir haben in diesem Gespräch jedoch gleichzeitig von ärztlicher Seite gehört: Diese sich ergebende Zeit ist wertvoll. Nutzt sie, für euren Körper, für eine gute Versorgung mit allem, was er braucht.

Und nutzt diese wertvolle Zeit auch, um mit euren Themen aufzuräumen. Arbeitet an euch, konzentriert euch auf die Dinge, die euch Angst bereiten, um diese Ängste so weit wie möglich aufzulösen. Wir haben weiter oben gesehen, wie schädlich Angst aus Sicher einer Ärztin ist.

Nutzt deshalb diese Zeit auch mit einer ganz anderen Sichtweise und geht auf eure Partnerschaft ein, tut etwas für eure Paarbeziehung. Vielleicht gab es nie eine bessere Zeit als heute, um dies zu tun.

Und dann können wir alle auch – ganz im Sinne der Worte von Dr. med. Schausten – voller Hoffnung, trotz aller momentaner Unsicherheiten, in die Zukunft blicken.

 

Von Dr. med. Schausten in diesem Interview gegebene Empfehlungen zur Dosierung der angesprochenen Vitamine

  • Vitamin D3: 20.000 I.E., 14 Tage tgl., dann 2 x wöchentlich
  • Vitamin C als Natriumascorbat täglich 1 kl. Messersp. in Wasser

 

Weiterführende Links zum Thema:

Unerfüllter Kinderwunsch in der Corona-Krise – Gespräch mit Dr. med. Schausten ALS PODCAST (Unerfüllter Kinderwunsch Corona Covid-19)

Hilfe für PAARE im unerfüllten Kinderwunsch und zur Weiterentwicklung ihrer Beziehung für die Schwangerschaft nach der belastenden KiWu-Wartezeit der Corona-Pandemie

Die Kraft in uns für den unerfüllten Kinderwunsch

Akuthilfe für FRAUEN – Die Krise im unerfüllten Kinderwunsch in der Kinderwunsch-Wartezeit während der Corona-Pandemie verlassen

 

Zukunftsglück-Artikel | Unerfüllter Kinderwunsch in der Corona-Krise – Interview mit Dr. med. Schausten (Unerfüllter Kinderwunsch Corona Covid-19)

 

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