„Unfreiwillig kinderlos“ – Gastartikel zu Selbsterfahrungen beim Umgang mit unerfülltem Kinderwunsch (Teil 2)

30.09.2019

Alex & Romy

Alex & Romy

Kinderwunsch-Coach und Paarberater

In diesem  Gastartikel beschreibt Friederike ihre Selbsterfahrungen und individuellen Umgang mit ihrer ungewollten Kinderlosigkeit. Sie setzt dabei zahlreiche wertvolle Impulse zur Reflektion.

Friederike (Name geändert) ist als Leserin/Hörerin von Blog und Podcast mit uns in Kontakt getreten. Dabei herausgekommen ist dieser wunderbare Gastartikel, für den wir uns hier noch einmal herzlich bedanken.

Aufgrund der Länge des Artikels haben wir ihn in zwei Teilen veröffentlicht. Untenstehend findet ihr Teil 2, während Teil 1 im vorherigen Blog-Artikel erschienen ist.

Unfreiwillig kinderlos – Mein Leben, recomposed – Teil 2

Gastartikel von: Friederike 

Ich liebe Kunst. Ich liebe die Bilder von Franz Marc. Beschäftigt man sich mit dem Werdegang und den Werken von Franz Marc, sieht man, dass er nicht von Anfang an so frei malen konnte. Er lernte nach und nach, was sein eigener Stil ist und er merkte, dass er Tiere so malen konnte, dass er sie von der tiefsten Wahrheit des Lebens sichtbar machen konnte. Und das war ihm wichtig. Dabei fühlte er sich frei.

Ich weiß nicht mal, was ich in Worte fassen kann, was ich fühle, wenn ich sein Bild „Rote Rehe II“ von 1912 sehe. Es steckt so voller Liebe. Es steckt das ganze Geheimnis des Lebens darin. Es fühlt sich so an, als ob ich die Musik von Max Richter höre.

Übrigens blieben Franz Marc und seine Frau ungewollt kinderlos.

Franz Marc hatte eigene Rehe auf seinem Anwesen. Er schaute sie lange an. Schaute ihnen tief in die Seele und malte sie. Er hegte und pflegte sie, fast wie Kinder, wie Wassily Kandinsky es beschrieb. (vgl. Partsch, Susanna, MARC, 1990, S. 38)

„Paul Klee formulierte das Verhalten den Tieren gegenüber sehr viel allgemeiner und doch präziser, als er nach Marcs Tod in sein Tagebuch notierte: „Menschlicher ist er, er liebt wärmer, ausgesprochener.““ (Partsch, Susanna, MARC, 1990, S. 38 zitiert Paul Klee)

 

Elternschaft und Glück

Vielleicht spricht man Müttern, Vätern und Eltern (eher) gesellschaftlich die Anerkennung zu, tiefer, selbstloser und absichtsloser zu lieben. Es kann sein, dass man durch ein Kind „weicher und wärmer“ werden kann. Ich kenne so viele kinderlose Menschen, die genauso warmherzig sind. Ich kenne aber auch Eltern, bei denen ich diese Wärme nicht spüre.

Sind Eltern die besseren Menschen? Sind Kinder und Elternschaft eine Garantie für ein glückliches und sinnvolles Leben? Können Kinder das Leben der Eltern wirklich mit einem Sinn füllen? Was passiert dann mit dem Leben der Eltern, wenn ihre Kinder groß sind und ausziehen?

Es gibt bis heute etwas, das wir „Mutterglück“ nennen. Orna Donath widerlegt mit ihrem Buch „#regretting motherhood“, dass Frauen in der Rolle der Mutterschaft ihr Glück finden. Frauen können überfordert sein, weil die gesellschaftlichen Rollen einer Frau und die Rolle der Mutterschaft, sie an ihre Grenzen bringen. Sie können verzweifeln, weil sie als individuelle Person und Mensch an den Realitäten des Lebens (ver)zweifeln. (vgl. Donath, Ornath, #regretting motherhood, 2016)

Sie fragen sich sicherlich dann und wann auch: Wer bin ich (noch)?

 

Eltern und Kinderlose – Die gleiche Suche

Warum sonst gibt es so viele Mama-Blogs? Es trennt sie doch nichts von uns Kinderlosen mit all unseren Fragen zum Leben und zu uns selbst. Kinderlose und Eltern suchen nach sich selbst. Und wir sind alle Menschen und fragen dann und wann:

  • Wer bin ich?
  • Bin das noch ich?
  • Wie bringe ich meine Erwartungen mit meinen Realitäten in Einklang?

Es geht im Leben nicht darum, etwas zu werden und zu erreichen. Es geht darum, alles zu sein, was schon da ist. Und es selber herauszufinden.

Um Lebenserfahrung zu bekommen, braucht es „Erfahrung“ und das „Leben“. Du darfst es selbst erfahren. Niemand hat es schöner beschrieben als Rainer Maria Rilke:

„Sie sind so jung, so vor allem Anfang, und ich möchte Sie, so gut ich es kann, bitten, lieber Herr, Geduld zu haben gegen alles Ungelöste in Ihrem Herzen und zu versuchen, die Fragen selbst liebzuhaben wie verschlossene Stuben und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache geschrieben sind. Forschen Sie jetzt nicht nach den Antworten, die Ihnen nicht gegeben werden können, weil Sie sie nicht leben könnten. Und es handelt sich darum, alles zu leben. Leben Sie jetzt die Fragen. Vielleicht leben Sie dann allmählich, ohne es zu merken, eines fernen Tages in die Antwort hinein.“ (Rilke, Rainer Maria, Du mußt dein Leben ändern, 2016, S. 33)

Wenn ich nicht Mutter sein kann, dann möchte ich meine warme, menschliche Seite leben, wie Franz Marc. Wie Max Richter. Ich möchte tiefer lieben und leben können.

Ich bin nicht 101%ig glücklich. Ich möchte es gar nicht sein, denn dann würde ich wie Vivaldi klingen. Das möchte ich gar nicht mehr. Ich möchte wie Max Richter klingen. Es gehört eben alles dazu. Die Leichtigkeit des Lebens kann nur da sein, weil es auch die Schwere gibt.

 

‚Heilung‘ vom unerfüllten Kinderwunsch?

Für mich ist es ein Irrglaube, dass das Thema Kinderwunsch vollständig geheilt werden kann.

Ich habe meinen Kinderwunsch nicht verabschiedet. Einst hatte ich eine Wunde, heute ist eine Narbe geblieben. Ich bin mehr als diese Narbe und doch gehört diese Narbe zu mir, zu meinem Leben und meinem Körper dazu.

Natürlich bin ich mehr als diese Narbe und ich mag mein Leben, so wie es ist. Meine Narbe spüre ich z.B. an Weihnachten. Wenn im Urlaub Familien am Strand liegen. Wenn ich die Familie meines Bruders sehe. Ich spüre diese Narbe, wenn meine Menstruation kommt. Sie tut nicht mehr so weh, wie einst. Schwach spüre ich sie manchmal noch. Oftmals ist sie gar nicht mehr da.

Die Intensität und die Dauer des Schmerzes werden weniger. Wie bei einem Trauerfall. Am ersten Todestag bricht man fast zusammen. Jahrelang weint man am Todestag und trifft sich mit den Angehörigen und der Familie.

Und dann kommt ein Jahr, wo man vergisst, Blumen für das Grab zu kaufen. Und nächstes Jahr fällt einem der Todestag erst Tage später ein. Und dann spürt man es ganz kurz. Oh, da ist ja was. Hallo Trauer, hallo, schön, dass du da bist. Man lächelt, erinnert sich, spürt den Schmerz, weint und lässt ihn gehen.

Ich weiß, es darf und wird mich begleiten, wenn meine Wechseljahre kommen, wenn meine Freundinnen Enkel bekommen oder ich im Altersheim sitze und meine Nachbarinnen Besuch von ihren Kindern bekommen.

Das ist ok, das gehört zum Leben dazu.

 

Mein Kinderwunsch darf da sein

Auch wenn er kaum noch da ist.

Heute wird es immer seltener, dass ich daran denke und erinnert werde. Mein Blick ist wieder auf andere Dinge gerichtet. Ich akzeptiere und nehme mich so an, wie ich bin. Und ich möchte gar nicht anders sein!

Wer weiß, ob ich je so geworden wäre, hätte ich einfach so ein Kind bekommen können. Vielleicht wäre ich eine Frau geworden, die auch gesagt hätte, ich wäre lieber Vater geworden. Ich bin mit meiner Mutterrolle doch nicht so glücklich, wie ich es jemals mir erträumt und gewünscht hätte. Mein Kind hätte ich trotzdem geliebt und hätte plötzlich gewusst, was Simone de Beauvoir in ihrem Buch „Das Andere Geschlecht“ ausdrückte. Frauen sind (leider heute noch immer) die „Andere“ und leider stecken wir noch immer in den Geschlechterrollen „männlich“ und „weiblich“ fest. Das „Mutterglück“ ist eine hoch aufgeladene und stark idealisierte Rolle. (vgl. de Beauvoir, Simone, Das andere Geschlecht, 1960)

Natürlich weiß ich nicht, was und wie ich geworden wäre, als Mutter. Denn ich bin es ja nicht.

Ich kann nicht so schön schreiben wie Rainer Maria Rilke. Ich male keine Bilder wie Franz Marc. Ich bin auch keine Musikerin wie Max Richter. Ich verdiene mein Geld nicht mit online-irgendwas. Ich habe mein Leben nicht äußerlich umgeschmissen. Ich habe einfach weiter gemacht. Meine Arbeit, die ich vorher schon hatte, weil sie mich erfüllt. Ich liebe und lebe mit meinem Partner nach wie vor zusammen. Ich lebe in derselben Stadt und gehe nach wie vor gern zum Yoga.

Das, was mir half, war einfach weiter machen und mal alle Pläne zu vergessen.
Ja, mir half die Kunst. Mir half es, zu meditieren. Mir halfen Hörbücher von Eckart Tolle wie „Eine neue Erde“. Mir half es, weiter Sex zu haben, mich und meinen Partner zu spüren. Mich mit Slow Sex zu beschäftigen.

Einfach weiter zu machen im Leben. Auf der Yoga-Matte im Kurs weinen zu können. Mir half es, mit Rotz, Wasser und Tränen weiter ins Leben nach draußen zu gehen und mich nach und nach mehr zeigen zu können. Mehr, als ich es je vorher einmal konnte oder jemals gewagt hätte.

 

Ich bin heute ich

Ja, es war eine lange Geburt. Eine innere Transformation konnte durch die Trauerarbeit entstehen.

Es hat länger gedauert, als ich dachte. Länger als 9 Monate. Ich habe kein Kind geboren. Ich habe mich selbst neu geboren. Um selbst meine ungeklärten Fragen zu leben und selber eine Antwort zu (er)leben. Das nennt man Leben.

Ich habe mein Leben recomposed.

Ich schaue wie Franz Marc den Lebewesen und allen Dingen heute tiefer in die Seele. Auch mir selbst. Ich bin weicher, ich bin wärmer und herzlicher geworden. Ich glaube, ich bin innerlich meine eigene Mutter und mein eigenes Kind geworden.

Wie schön es ist, im Leben allumfassend schöpferisch zu sein. Das tiefe Mütterliche befindet sich im Sich-werden-lassen. Das betrifft auch, das eigene Leben werden zu lassen. Vielleicht anders als geplant. Im So-sein-lassen und etwas da sein lassen können, egal wie es sich entwickelt. Im Akzeptieren und Annehmen können, dass sich etwas anders entwickelt, als man es sich gewünscht und vorgestellt hat.

Franz Marc hat mit seiner Malerei bei seinem Blick mit den Rehen übrigens nicht aufgehört. Er löste sich mehr und mehr von Formen und malte weitere unglaubliche Kunstwerke, die unser Denken und Fühlen völlig auf den Kopf stellen.

Es ist unglaublich, was entstehen kann, wenn wir uns und unser Denken von unseren eigenen beschränkten Sichtweisen auf Identitäten und Geschlechterrollen lösen und uns davon befreien können. Es sind nur Gedanken. Und das, was wir denken, das sind doch nicht wir im Kern unseres innersten wahren Wesens. Und von jedem Gedanken kann ich mich lösen. Auch, dass ich nicht die Denkerin in meinem Kopf bin, die diese Gedanken denkt. Wer bin ich noch, wenn ich nicht (mehr) denke? (vgl. Tolle, Eckhart, Eine neue Erde, 2015)

Ich höre auf, mein Leben zu planen und habe es dadurch annehmen können. Mit allen Höhen und Tiefen!

Was für ein schönes Happy-End! Einfach zu leben, nur wärmer, tiefer und weicher. Ich bin gespannt, welche Veränderungen das Leben weiter mit sich bringt.

Namasté. Loka samastah sukhino bhavantu.
Ich grüße das Göttliche in dir. Mögest du glücklich und frei sein.

 

Mehr zu diesem Thema

Sehr hilfreich, um deine eigenen Selbsterfahrungen bei deinem ganz individuellen Umgang mit dem unerfüllten Kinderwunsch zu reflektieren, ist das 6-Minuten-Tagebuch von Dominik Spenst.

Möglichkeiten, um deine Selbsterfahrungen mit der ungewollten Kinderlosigkeit auch in deiner Partnerschaft / Beziehung zu reflektieren.

 

Quellenverzeichnis

  • de Beauvoir, Simone: Das andere Geschlecht, 1960
  • Donath, Orna: #regretting motherhood, Wenn Mütter bereuen, 2016
  • Partsch, Susanna: MARC, 1990
  • Rilke, Rainer Maria: Du mußt dein Leben ändern, 2016
  • Tolle, Eckhart: Eine neue Erde. Bewusstseinssprung anstelle von Selbstzerstörung, 2015