Über das Älter werden und Frau Stern – Was würde Frau Stern als unfreiwillig Kinderlose tun? | Älter werden als unfreiwillig Kinderlose | GASTARTIKEL

04.02.2020

Alex & Romy

Alex & Romy

Kinderwunsch-Coach und Paarberater

Älter werden als unfreiwillig Kinderlose.

Ein weiterer wunderschöner Gastartikel aus der Zukunftsglück-Community, rund um das eigene Erleben der Autorin zwischen Lebensentscheidungen und unfreiwilliger Kinderlosigkeit.

Wir bedanken uns ganz herzlich bei der Autorin, die anonym bleiben möchte.

 

GASTBEITRAG | Über das Älter werden und Fau Stern | Was würde Frau Stern als unfreiwillig Kinderlose tun? | Älter werden als unfreiwillig Kinderlose | Beitragsbild: Izabella Taylor auf Unsplash

 

Älter werden als unfreiwillig Kinderlose

 
Ich schaue in den Spiegel und sehe meine Pfunde. Am Morgen, nach einer Nacht mit wenig Stunden Schlaf, sieht man mir das jetzt an. Auf Arbeit werde ich dann gefragt, ob alles ok ist. Graue Haare wachsen. Nicht nur eins. Mein Rücken schreit nach regelmäßigem Sport und langsam aber sicher, werde ich nicht nur älter in Richtung vierzig.
 

Das ist seltsam, dass es plötzlich ich bin, die älter wird

So langsam aber sicher weiß ich, dass mit der Zahl 40 ein Zug abgefahren sein wird. Eine wird Tür verschlossen und der Schlüssel öffnet die Tür nicht mehr. Eine Kiste wird zugemacht und draußen auf dem Hinterhof ist wieder lauter Kindergeburtstag.

Und hier drinnen in meiner Wohnung ist alles geputzt und ordentlich. Und außer mir verteilt hier keiner Krümel.

Älter werden als unfreiwillig Kinderlose…

 
 
 

 

 

Mir fehlt das Laut-sein am Sonntagmorgen am meisten

Das Lebendige, was hier Leben in die Bude bringt, wenn ich so brav erwachsen bin. Da fällt mir ein, dass mir zwei Freundinnen einen Videolink gesendet haben: „Sei du die Veränderung, die du dir wünscht!“ Werde ich mir mal anschauen. Sollte ich wohl. Nein, darf ich!
 
 
 
Also wenn ich schon kein Kind habe, dann werde ich selber zum Kind und dann mache ich hier mal alles unordentlich! Yippie!
 
 
Ähm… ich darf es dann hinterher wieder aufräumen. Äh, ich lass es mal.
 
 
 

 

 

Mir geht es gerade nicht so gut

 
Wieder eine neue Diagnose. OP-Nummer vier in diesem Jahr rückt in greifbare Nähe und jeden zweiten Tag bekomme ich jetzt Spritzen gegen die Schmerzen.
 
 
 
 
Mehrere Freundinnen sind für mich da. Fragen mich, was wir machen können. So schöne Ideen sind dabei. Bis auf den Sonntagsbrunch muss ich, nein, darf ich, alles absagen. Ich schaffe es körperlich einfach nicht. Anstatt neue Leute, nette Menschen auf internationalen Festen kennenzulernen oder ins Stummfilmkino zu gehen, frage ich meinen Meditationslehrer, ob ich ihn mal per Diktierfunktion aufnehmen darf. Für das Üben zu Hause. So fühlt sich das an, wenn man älter, nein, weiser oder vielleicht eher lebenserfahrener wird.
 
 
 
Heute fragte eine Schülerin im Unterricht von meinem Kurs, was der Lehrer meint, wenn er von der Mitte spricht. Ja, eine sehr gute Frage.
 
 
 
Welche Mitte? Also meine eigene Mitte suche ich jeden Tag auf’s Neue. Es ist ein Finden, verlieren und wieder Suchen und manchmal finden.
 
 
 
 
Was gibt es noch für eine Mitte? Ich wäre jetzt in der Mitte meines Lebens. Kurz vor dem Verblühen, sollte ich jetzt gesundheitlich und körperlich noch auf der vollen Höhe sein. Sollte… darf ich gerade nicht. Ja, verstehe, ich darf es wieder lernen, selber in meine Mitte zu kommen.
Älter werden als unfreiwillig Kinderlose…
 
 
 
 
 
 
 

 

 

Es gibt so viel, was gerade nicht mehr in der Mitte ist

 
Die Amazonas-Wälder verbrennen, Hurrikans zerstören mit einer Wut Inseln, was mit Groß Britanien und seiner Politik wird, weiß keiner. Es gibt Flüchtlingswellen und so viele Katastrophen. Politiker, die leider kein Witz sind, und mit ihrem Narzissmus die Demokratie und eine Kommunikation zerstören. Die Gletscher im Eis schmilzen und wir leben auf der Erde, als ob wir noch eine zweite parat hätten.
 

 

 

Es fühlt sich an, als ob mein Körper ein Spiegel dieser Erde ist

 
Er streikt. Er möchte so in diesem Tempo und unter diesen Bedingungen, der Zerstörungswut, nicht leben.
 
Kann er nicht, weil er so verlernt, ein Mensch zu sein, verbunden mit der Erde und der Natur. Und das Verbundensein mit der Natur ist auch die Natur des Menschen.
 
 
 
Begehren liegt auch in der Natur. Bis man als Frau plötzlich unsichtbar wird, weil man nicht mehr dem jugendlichen Idealbild entspricht.
 
 
 
Die netten Blicke der Männer gelten jetzt den jüngeren Frauen vor, hinter oder neben mir. Ach ja. Das ist jetzt vorbei, als man mir direkt auf den Busen starrte und mich lüstern anblickte. Und ich lächle dank der Lebenserfahrung auch nicht mehr so naiv daher, sondern denke, ich bin doch hier nicht zum dumm rum stehen da. Das Lächeln dient einer Bewunderung und einer Anziehung, der wir uns nicht entziehen können.
Genau das mögen die Männer, egal wie alt sie sind. Es ist die gewisse Ausstrahlung. Was soll`s. Das Lächeln vom Dönermann galt eben mir, weil ich so lustig mit meiner Kapuze und Fahrradweste aussehe und weil ich heute von innen her strahle.
 
 
Whow, was für ein schönes Lächeln der Dönermann hat. Und ich lächle mal zurück. Danke dir, oh du meine Stadt, die so schön herrlich, bunt und gemischt ist. In der ich mich wohl fühle und zu Hause bin. Die so schön schrammelig ist und Raum lässt für experimentierfreudige Lebensentwürfe. Beim Walken im Park zähle ich die Dealer und mache mir langsam Sorgen, was aus den Menschen wird, wenn die Polizei hier ständig Streife fährt. Dann wird hier alles wieder so schön sauber für die Familien. Weil, denk doch mal an die Kinder, was sollen die denn denken, wenn da Drogen vertickt werden?
 
 
Doch kein Mensch ist illegal und was sollen sie denn tun, wenn für uns nur absurde Scheine, Abschlüsse und nachweisbare Identitäten gelten, dass man im legalen Leben mitspielen darf. Ehrlich gesagt, sie tun mir leid, denn wir entscheiden, wer in unserem Leben mitspielen darf. Die vielen männlichen Geflüchteten. Die haben sicher nicht davon geträumt, hier Drogen im Busch zu verstecken und zu verkaufen. Und spannend wird es erst einmal, wenn man sieht, wie viele „Gutmenschen“ hier das Angebot nutzen. Ja, das Geschäft boomt. Das Angebot und die Nachfrage.
 

 

 

Älter werden als unfreiwillig Kinderlose?

 

Mein Wochenendsamstag habe ich genauso so verbracht, wie er mir gut tut. Das Nein-sagen klappt schon mal gut. Auch das Ja-sagen zu dem, was ich selber brauche.

Einen wundervollen Film habe ich mir am Samstagabend allein im Kino angeschaut. „Frau Stern“.
Bei der Rückfahrt auf dem Fahrrad dachte ich, hey, das kinderfreie Leben fühlt sich gerade so an, wie das Single-Sein, wenn man es einfach annimmt und das macht, auf was man selber wirklich Lust hat. Es ist wunderschön! Zu Hause mache ich mir schöne Musik an und koche nur für mich.

Älter werden als unfreiwillig Kinderlose.

 

Ich denke daran, was Frau Stern jetzt tun würde

Und diese Frage werde ich mir jetzt öfter stellen.
Frau Stern ist 89 Jahre alt. Sie geht durch ihr Kiez in Berlin-Neukölln. Sie fragt beim Späti, in der Kneipe und ihrem Frisör, wo man eine Knarre kriegen kann. Sie wird gefragt, warum, und sie sagt, weil man Abtreten soll, wenn man Abtreten kann und will. Frau Stern möchte nicht mehr leben. Sie möchte das selber entscheiden. Sie lebt, sie feiert, sie trinkt, sie lacht und sie spricht über viele Dinge nicht. Über ihre Kindheit, dass ihre Familie im KZ ermordet wurde und sehr selten spricht sie über ihren Mann, der in jungen Jahren starb. Und das sie als Jüdin, die selber im KZ war, nie nach Deutschland wollte.

Jetzt ist sie alt, noch am Leben und fragt sich, warum. Wozu noch leben? Alles, was sich Frau Stern noch vom Leben wünscht, ist ein schneller Abgang. Doch das Leben lässt Frau Stern nicht los. Das Leben hat ihr noch viel zu bieten.

Mit ihrer Enkelin geht sie feiern, tanzen und singen. Manchmal geht sie nur zum Spaß beim Späti Nüsse klauen. Und ihr verdammt sexy Frisör bringt ihr diese gedrehten Tüten mit Gras nach Hause. Frau Stern mag den Frisör. Er sieht wirklich sexy aus. Also stellt sich Frau Stern in die Tür und lächelt ihn an. Sie zeigt, dass sie ihn mag. Der Frisör erwidert, dass sie unwiderstehlich aussieht. Kess, fragt Frau Stern zurück „Findest du?“. Natürlich war das nur ein Scherz, dass noch so tun als ob.

 

Was in jüngeren Jahren ein unverfangener Flirt war, ist heute ein Witz, dank des Alters, geworden

Frau Stern stellt fest, dass Männer einen Puff haben. Aber wo gehen denn die Frauen hin? Sie trägt noch so viel Liebe, Freude, Witz und Lebenslust in sich. Und Würde! Vor allem Würde!

Ja, es geht in dem Film über das Älter werden und über den Tod. Und noch viele andere Themen, die lange in mir nachgewirkt haben. Aber vor allem geht es auch um das Leben im Alter und wie wir es betrachten.

 

Wie fühlt es sich an, alt zu werden?

Frau Stern hat ihre Enkelin und ihre Tochter, die für sie da sind.

 
 
Wer ist später mal bei mir da? Wie werde ich ohne Kinder und ohne eigene Familie leben? Wer ist mal für mich da, wenn ich 89 Jahre alt bin?
 

 

„Sei doch mal dankbar!“…

 
…sagt meine Mutter und bringt einen Kuchen vorbei.
 
Warum kann ich nicht mal dankbar zu ihr sein? Die große Kümmerin meiner Kindheit, die sich nie Zeit für ihre Bedürfnisse genommen hat, weil sie immer da war. Und jetzt da ist für ihre Eltern.
 
Und ich stehe da und traue mich nicht. Ich denke, ich gehöre hier nicht dazu, weil ich für meine eigenen Bedürfnisse einstehen muss, sonst geht es gesundheitlich bergab. Niemand vor mir hat das als Frau in meiner Familie getan. Da haben alle nur funktioniert und sich und die eigenen Ziele aufgegeben.
 
Ich fühle mich, wie eine Verräterin.
 

 

Weil ich denke, ich kann nicht mithalten. So ohne Kind und die Vollaufgabe dafür

 
Das Zeigen, ich kann es auch! Ich bin auch so stark!
Da erzählt mir meine Mutter, dass sie immer raus wollte. Raus aus ihrer kleinen Stadt und dann lernte sie ihre Liebe kennen. Und die wohnte auf dem Dorf. Noch weiter weg von großen Städten, von denen sie träumte. Und sie dachte, gleich nach ihrer Kleinstadt wäre schon die Welt zu Ende. Und dann zieht sie da hin, wo Fuchs und Hase sich gute Nacht sagen.
 
Dann kommt von ihr, ein „Ich wollte doch xy studieren!“ Und ein „Früher bin ich immer in der Stadt mit den Cousinen und Freundinnen zum Tanzen gefahren.“ Und noch ein und noch mehr und noch mehr, was sie früher glücklich gemacht hat.
 
Ach ja…. Genau, deswegen bin ich, ihre Tochter, hier her in die Großstadt gezogen, weil ich mich auf dem Dorf einfach nie wohl gefühlt habe, wenn die Gardinen immer so komisch vorgezogen wurden und die Leute direkt dahinter standen.

Meine Mutter freut sich für mich, weil ich tue, was sie nie konnte

 
Und sie kommt so gern her zu mir in die Stadt, weil sie es irgendwie sehr gern hat. Den Trubel hier, den sie in ihrem Dorf nicht hat.
 

 

„Mama, was ist schön, wenn man Kinder hat?“

 
„Nur die kleinen Momente, wenn mal einer sagt, Mama hier!“
„Und was noch?“, hake ich nach.
Es kommen nur Klagen und was schwer ist und noch schwerer oder schlafloser oder noch stressiger.
 
„Du Mama, ist es das wert?“
Sie räuspert sich. „Naja, man will die Kinder ja auch nicht mehr missen.“
 
Und ich? Was mache ich ohne neues Leben?
Ich fahre nach der Unterhaltung mit meiner Mutter allein ins Kino und weiß nach dem Film „Frau Stern“, dass alles eine Frage, der eigenen Entscheidung ist.
 
Frau Stern würde es so sagen: „Liebe ist eine Entscheidung.“
Die Tochter von Frau Stern sagt: „Man verzichtet auch auf etwas.“
Die Enkelin sagt: „Na, das ist heute aber anders.“
Frau Stern: „An der Liebe hat sich nichts geändert.“
 
Ich denke, auch Leben ohne die Antworten auf die Fragen zu wissen ist eine Entscheidung. Zu leben. Zu atmen. Zu lieben. Dennoch. Oder trotzdem. Und weiter zu machen und es selbst heraus zu finden.
Denn Liebe ist das größte hier.
Ich spreche für Liebe. Für die große Kraft. Für die Liebe zum Leben. Und das ist die größte Sprengkraft und das Unglaublichste!
 
Und falls ich es mal vergesse, werde ich mich fragen, was Frau Stern tun würde.
 

 

„Frau Stern, was würden Sie als unfreiwillig Kinderlose tun?“

 
Sie würde sicher lächeln. „Schätzchen, na das wäre ein Leben! Ich könnte mich gar nicht entscheiden, was ich tun würde.“
„Frau Stern, genau das ist mein Problem. Ich weiß nicht, was ich tun soll.“
„Schätzchen, das wissen wir alle nicht, bis wir es selbst heraus gefunden haben. Entscheide dich dafür, es selbst herauszufinden! Und hab vor allem viel Spaß dabei, dass du viel Lachen kannst. Hab vor allem viel Spaß. Auch im Leben wieder Spaß haben zu dürfen, ist eine Entscheidung.“
„Vielen Dank, Frau Stern!“
 

 

Älter werden als unfreiwillig Kinderlose

 
Sorry, Leute, ich hab was vor. Ich möchte jetzt leben! Es erleben und erfahren. Und dürfen. Einfach sein dürfen. Ich darf mal kurz meine Liebe küssen. Erst mich im Spiegel und dann meinen Partner. Und wieder lächeln. Ist ein guter Anfang und ein schönes Ende für diesen Artikel!
 
 
 
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Quellen zum Artikel | Älter werden als unfreiwillig Kinderlose

Schuster, Anatol: Frau Stern, 2019
https://www.youtube.com/watch?v=plBVPsCLEdQ
Wanda, 2019, Ciao Baby
 
 
 

 

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